Montag, 13. Juli 2020
Notruf: 112

Bus-Unfall (MANV)

Übung: THL Bus gegen Pkw – MANVindex.jpg

Vorgeschichte: Ein aktives Mitglied der FF Rehling arbeitet in der Werkstatt bei den Stadtwerken Augsburg und bekam hierbei das Angebot, einen zur Ausmusterung bereiten Linienbus vor der Verschrottung für Übungszwecke bei der Feuerwehr zu nutzen. Zwei Mitglieder der FF Rehling nahmen sich diesem Projekt an und standen vor der Frage, in welchem Ausmaß eine Übung mit dem Bus stattfinden sollte. Dank der Unterstützung der Führung und auch der Vorstandschaft konnte ein Termin festgelegt werden, von dem nicht nur die Rehlinger selbst, sondern auch die Wehren profitieren, die in Alarmfall tatsächlich vor Ort wären. Etwa sechs Wochen waren es ab diesem Zeitpunkt bis zum Übungstag. Die Aufgaben mussten also mehrere Helfer verteilt werden, um folgende Punkte zu klären:


Definition eines Lernzieles, Umfang der Übung, Anteil Theorie und Praxis, Übungsort, Alarmierung im Ernstfall, Organisieren von Statisten, realistisches Schminken, Zusammenarbeit mit dem Rettungsdienst und der Polizei, psycho-soziale Unterstützung einer Vielzahl von Betroffenen, Verpflegung während der Übung, Gebietsabdeckung während der Übung, Nachbereitung, etc...
Definition eines Lernzieles
Was soll am Ende des Tages bei wem angekommen sein? Ein Szenario, bei dem ein vollbesetzter Linienbus in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt ist, ist sicherlich nicht alltäglich. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Feuerwehrmann einmal als Helfer in solch eine Situation kommt, eher gering. Dementsprechend sind die Erfahrungen im Umgang damit. Was nutzt es also im Ernstfall, wenn man am Ende des Übungstages ausschließlich weiß, wo man das hydraulische Schneidgerät am Bus ansetzen kann und wo nicht. Was nutzt es, in so einem Fall ohne Rettungsdienst vorzugehen? Die eigentliche Problematik bei einer technischen Hilfeleistung in dem geplanten Ausmaß wird aller Voraussicht nach die Logistik und die Kommunikation an der Einsatzstelle sein. Eine Vielzahl an Verletzten in Verbindung mit einer unübersichtlichen Einsatzstelle bringt auch eine Vielzahl an Helfern mit sich. In erster Linie also Feuerwehren und Rettungsdienst.
Deshalb wurden folgende Eckpunkte festgelegt
Jeder teilnehmende Helfer soll mit in die Übung mit eingebunden werden
Vorhandenes technisches Gerät zur technischen Hilfeleistung aller Fahrzeuge soll weitestgehend eingesetzt werden
Theoretisches und praktisches Wissen sollen untereinander ausgetauscht und angewendet werden
Rettungsdienst- und Feuerwehrkräfte sollen zusammenarbeiten. Abschnitte sollen gebildet werden. Die Übung soll realistisch sein.

Umfang der Übung

Der vereinbarte Termin für die Übung war Samstag, der 21. März 2015. Über den Einsatzleitrechner der ILS Augsburg wurden Kräfte und Mittel genau für einen Samstagvormittag gesucht, so wie auch die Übung stattfindet. Ziel war es, das tatsächlich auch die Kräfte dann vor Ort sind, die auch im Ernstfall anrücken würden. Somit konnte mit einem Teilnehmerrahmen von etwa 80 Einsatzkräften der Feuerwehren gerechnet werden. Auch, wenn im Ernstfall tatsächlich die umliegenden Feuerwehren mehr Fahrzeuge zum Einsatzort schicken würden bei einem vergleichbaren Alarmstichwort wie auf dem Alarmfax gefordert, wurden ausschließlich die Fahrzeuge zur Übung eingeladen, die der Einsatzleitrechner vorgeschlagen hat. Da zum einen getestet werden sollte, ob die Kräfte und Mittel tatsächlich ausreichen, aber auch um die Gebietsabdeckung während der Übung in der Umgebung von Rehling sicherzustellen.
Rettungsdienst
Parallel dazu wurde mit dem Leiter des BRK Lkr. AIC-FDB, Thomas Winter, Kontakt aufgenommen, wie man den Rettungsdienst ebenfalls realistisch in die Übung mit einbauen kann, so dass auch für diese Kräfte ein Lerneffekt eintritt. Nachdem im Bereich des Rettungsdienstes keine Kräfte und Mittel für eine Übung außer Dienst genommen werden dürfen, wurden im Vorhinein SEG (Schnell-Eingreif-Gruppen) aus dem gesamten Landkreis in der Nähe der Standorte der RTW bereitgestellt, um auch hier realistische Eintreffzeiten zu erreichen. In kurzer Zeit wurden vom BRK Kräfte und Mittel gestellt, zusätzlich zum vorgehaltenem Rettungsdienst. Nur in Verbindung mit dieser Organisation war ein Übungstag in diesem Ausmaß möglich.
Theorie
Für den theoretischen Teil konnte mit Albert Kreutmayr aus Dasing ein Fachmann im Bezug auf technische Hilfeleistung im Feuerwehreinsatz gewonnen werden. Er eröffnete den Übungstag mit einem Unterricht in der Fahrzeughalle im Rehlinger Feuerwehrhaus, der sowohl Einsatzgrundsätze in der technischen Hilfeleistung beinhaltete, aber auch eine Einführung in das Thema MANV (Massenanfall von Verletzten) war. Zusätzlich wurden die Teilnehmer über Grundsätze und Probleme im Umgang mit alternativen Antrieben unterrichtet. Nach einem kurzweiligen Vortrag von etwa 80 Minuten gab es für alle Feuerwehrkräfte noch eine Stärkung in Form einer deftigen Gulaschsuppe, bevor sich alle zum Bereitstellungsplatz am Lagerhaus im Ortsteil Oberach begaben. Von dort aus rückten die Fahrzeuge ab, nachdem diese von der Übungsleitstelle (Florian Langweid 11/1) alarmiert wurden.

Realistisches Schminken

Im Mehrzweckraum des Rathauses wurden parallel zum Theorieunterricht seit dem frühen Morgen die Statisten geschminkt. Insgesamt 24 Freiwillige fanden sich aus Rehling und Umgebung, um sich Schürf- und Platzwunden schminken zu lassen, offene Brüche und Pfählungsverletzungen modellieren zu lassen. Silke Mittler vom BRK Aichach-Friedberg übernahm mit ihrem Team hierbei nicht nur die Schminkarbeiten im Vorhinein, sondern auch die Betreuung der großen Anzahl an Statisten während der Übung. Die jüngste Freiwillige war gerade sechs Jahre alt, einige zwischen 20 und 25 Jahren, aber auch 50-jährige stellten sich zur Verfügung, um an der Großübung teilzunehmen.
Szenario
Samstagvormittag, 11 Uhr.
Kappellenstraße – Ecke Bauernstraße, vor dem neuen Friedhof
Außentemperatur 18° C, sonnig.

Ein Linienbus übersieht beim Abbiegen nach links einen mit zwei Personen besetzten Kleinwagen und erfasst diesen frontal. Dabei kippt der Bus auf die Beifahrerseite, in welchem sich 18 Fahrgäste und der Fahrer befinden. Ein weiterer Pkw versucht dem Unfall auszuweichen, gerät auf einen Seitenstreifen und kommt schließlich erst an einem Baum zum Stehen.
Im Bus gibt es dadurch mehrere Leichtverletzte, ein paar Schwerverletzte, aber auch Tote. Da der Bus auf den Türen liegt, ist ein schnelles Herauskommen für die Eingeschlossenen nicht möglich. In dem vom Bus frontal erfassten Kleinwagen sind Fahrer und Beifahrer schwer eingeklemmt, unter dem Beifahrersitz ist die Puppe eines Kleinkindes durch den Aufprall gerutscht. In dem Pkw, der dem Unfall ausgewichen ist, liegt eine leblose Person, daneben liegt ein Verletzter, der herausgeschleudert wurde. Auf der Straße liegen weit verstreut Trümmerteile, eine Augenzeugin setzt den Notruf ab, gerät dann aber angesichts der unüberschaubaren Lage zunehmend nach Eintreffen der ersten Kräfte in Panik.

Praxis

Es folgte die Alarmierung. Da sich alle Feuerwehrkräfte nach einer Brotzeit zum Bereitstellungsplatz begaben, wurde versucht, trotzdem realistische Eintreffzeiten am Unfallort zu erreichen. Über verschiedene Routenplaner hat man die zeitlichen Abstände errechnet und die einzelnen Fahrzeuge somit versetzt alarmiert. Beginnend mit dem Löschgruppenfahzeug der FF Rehling, welche ca. vier Minuten nach Alarmierung eintrafen, bis hin zum Rüstwagen der FF Affing, der bewusst erst ca. 16 Minuten danach eintraf.
Die Sirenen in Rehling heulten, etwa hundert Zuschauer und Vertreter der Presse waren bereits am Übungsort. Da kam das erste Löschfahrzeug (Rehling 48/1) um die Ecke und fand ein Trümmerfeld vor. Auch die Rehlinger selbst wussten nichts vom genauen Ausmaß der Übung und staunten nicht schlecht, als ihnen gleich eine Statistin entgegen lief und verängstigt für Verwirrung sorgte. In Panik versuchte sie den Einsatzleiter aus der Fassung zu bringen und gab ihm jede Menge sinnloser Informationen. Angesichts der unüberschaubaren Lage und einer Einsatzstelle, die sich auf ca. 100 Meter erstreckte, wurde in mehreren Trupps die Erkundung durchgeführt.
Im Minutentakt erreichten nun Fahrzeuge der Feuerwehr und auch des Rettungsdienstes den Unfallort. Es folgte, was vorherzusehen war: Nachdem der Übungsort mitten in der Ortschaft lag, verbauten sich die Einsatzfahrzeuge zunächst selbst den Weg. Eine große Fläche für einen Bereitstellungsplatz war in direkter Umgebung nicht vorhanden. Wichtig war also, dass schnell Abschnitte und deren Leiter bestimmt wurden. So entzerrte sich die Einsatzstelle wieder etwas, noch bevor die letzten Fahrzeuge eintrafen. Auch die Kommunikation verbesserte sich überraschend schnell, nachdem den jeweiligen Abschnitten Funkkanäle zugeteilt wurden.
Folgende Abschnitte wurden von Seiten der Feuerwehr gebildet: Technische Rettung Bus, Technische Rettung Pkw Bunt, Technische Rettung Pkw weiß, Verletztensammelstelle, Bereitstellungsplatz.
Die Zugänglichkeit in den Bus stellte sich als mühsam heraus. Durch die Dachluke war ein Patiententransport nicht möglich, deshalb wurde die Heckscheibe eingeschlagen und in die Frontscheibe eine Öffnung gesägt. Danach war es möglich von zwei Seiten in den umgekippten Bus zu gelangen. Die ersten Kräfte führten im Bus eine Sichtung durch, um einen Überblick von der Vielzahl an Verletzten zu bekommen. Nach etwa einer Stunde war der letzte Statist aus dem Bus gerettet und an die Verletztensammelstelle transportiert. Die Absprache zwischen den Kräften des BRK und der Feuerwehr war hier essentiell, die Rettungsmaßnahmen gingen Hand in Hand. Der Abtransport in eine Klinik wurde von hier aus durch Kräfte des BRK organisiert. Als Krankenhaus diente der Mehrzweckraum im Rathaus, an dieser Stelle endete dann auch die Versorgung der Verletzten.

Die technische Rettung am frontal erfassten Pkw stellte sich als ebenfalls sehr langwierig heraus, da das Fahrzeug im Vorhinein durch einen schweren Bagger massiv demoliert wurde. Die Retter hatten über 60 Minuten keine Möglichkeit, eine unter dem Beifahrersitz gerutschte Kleinkind-Puppe zu entdecken. Parallel wurde hier mit mehreren hydraulischen Rettungsgeräten gearbeitet, um die Verletzten zu befreien. Auch die Fahrbahn um die verunfallten Fahrzeuge wurde großflächig bewässert, um auslaufende Betriebsstoffe darzustellen.
Am zweiten Pkw, der dem Bus auszuweichen versuchte, arbeitete ebenfalls ein Team mit hydraulischem Rettungsgerät, um in dem total deformierten Wrack nach Personen zu suchen. Hier wurde von den Rettern entschieden, das auf der Seite liegende Fahrzeug, welches sich um einen Baum gewickelt hatte, zunächst wieder vorsichtig auf alle vier Räder zu stellen und dann erst mit den weiteren Maßnahmen fortzufahren.
Dadurch, dass an dem frontal erfassten Pkw eine Kleinkind-Puppe zunächst nicht entdeckt wurde, sind die Einsatzkräfte an der gesamten Unfallstelle sensibilisiert worden und haben von diesem Zeitpunkt an mit noch größerer Sorgfalt gearbeitet. Positiver Lerneffekt: Gerade an zunächst unübersichtlich großen Einsatzstellen kann etwas aus dem Blickfeld geraten oder gar vergessen werden. Durch die Puppe wurden alle Kräfte noch aufmerksamer.
Nach etwa zwei Stunden verkündete die Übungsleitstelle dann: „Übungsende. Fahrzeuge einsatzklar machen.“ Im Anschluss daran kamen alle Teilnehmer der Übung im Atrium der nahegelegenen Grundschule zusammen. Hier konnte sich nach getaner Arbeit noch einmal mit Wurstsemmeln und Getränken gestärkt werden. Es folgte eine Nachbesprechung, bei der versucht wurde, eine erste Stimmung der Helfer direkt nach der Übung einzufangen. War jeder in die Übung eingebunden, was waren die Erkenntnisse, gab es Unklarheiten, Verbesserungsvorschläge, etc. Von fast allen Seiten kam positives Feedback, die Rettungskräfte konnten tatsächlich Erlerntes anwenden und sich in einer Einsatzübung beweisen. Viele Kräfte berichteten davon, dass sie sich gefühlt haben, wie in einem Echteinsatz, da die Statisten teilweise derart realistisch gespielt haben und vor allem während der gesamten Dauer der Übung in deren Rolle blieben. Aber auch die Verletzten, allesamt keine Feuerwehrkräfte, wurden nach deren Befinden befragt. Von spürbarer Unsicherheit mancher Kräfte war am Anfang der Übung die Rede. Sicherlich war das zum einen der Übungssituation, gleichzeitig aber auch dem nicht alltäglichen Ausmaß eines Unfalls geschuldet. Sie berichteten aber auch davon, dass sich jeder in guten Händen gefühlt hätte und waren fasziniert, wie die Rettungskette funktionierte. Die Zusammenarbeit der verschiedenen
Hilfsorganisationen und auch der Umgang mit den Digitalfunkgeräten wurde auf die Probe gestellt und durchwegs für positiv befunden.
In Summe waren an der Übung in Rehling über 150 Personen beteiligt. Organisatoren, Helfer, Feuerwehrkräfte, Rettungsdienstmitarbeiter, Statisten, Betreuer, Fotographen, etc. Die Nachbereitung der Übung soll noch im Jahr 2015 abgeschlossen werden, indem eine CD mit Bildern und Videoausschnitten von insgesamt vier Actionkameras an die Feuerwehren und Organisationen verteilt werden soll.
Die Feuerwehr Rehling sagt: Ein herzliches Vergelt's Gott!

Bericht: Dominik Rauscher


Schwäbischer Feuerwehrtag